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THE REMAINS - NACH DER ODYSSEE

Regie: Nathalie Borgers. Dokumentarfilm. Österreich 2018. 90 Min. OmU.

 Auf ihrer Überfahrt nach Europa haben in den letzten 25 Jahren mehr als 30.000 Menschen im Mittelmeer den Tod gefunden – diesen kalten Zahlen stellt Nathalie Borgers mit dem Dokumentarfilm THE REMAINS ihren Blick auf unmittelbar Betroffene und deren Schicksale entgegen. Der Film geht in subtiler Weise den sichtbaren und unsichtbaren Spuren nach, die die Flüchtlingsbewegung bei den Überlebenden, aber auch bei denen, die sich an die Seite der Flüchtenden stellten, hinterlassen haben.

Natalie Borgers erzählt THE REMAINS auf zwei parallel geführten Erzählebenen: die eine Erzählung führt nach Lesbos, jener ägäischen Insel, auf der viele Geflüchtete auf ihrem Weg nach Europa gelandet sind. Sie lässt beeindruckende Menschen zu Wort kommen, die sich in ihrer täglichen Arbeit extremen Notlagen und dem Tod stellen müssen. Und sie lässt Bootsreste, angeschwemmte Habseligkeiten, Halden an Schwimmwesten stumm für sich sprechen. Mitarbeiter des Internationalen Roten Kreuzes schult die griechische Küstenwache im Umgang mit Leichen, um eine spätere Identifizierung zu ermöglichen; Geflüchtete recyceln den Plastikmüll; ein Friedhof entsteht, wo statt eines Namens und der Geburts- und Todesdaten nur der Hinweis „Agnostos –Unbekannter“ und ein Datum der Bergung zu lesen sind.

Die zweite Erzählung führt nach Wien, zu dem aus Syrien geflüchteten Farzat Jamil; er hat Asylstatus erlangt und kann am Wiener Flughafen auch den Vater und drei Schwestern wieder in die Arme nehmen. Diese hochemotionale Wiedervereinigung erschließt jedoch auch den Preis, den Farzats Familie für das Leben in Europa bezahlt hat: Dreizehn Familienmitglieder sind seit dem Kentern des Bootes auf der kurzen Überfahrt von der Türkei nach Griechenland verschollen. Ein Bruder lebt in

Deutschland und darf nicht zu seinen Verwandten nach Wien übersiedeln. Bloß Medikamente gewähren Schlaf und etwas Ruhe. Trost jedoch ist keiner zu finden. Denn zum Schmerz über den Tod der geliebten Menschen kommt das Bewusstsein, sie den Meerestiefen überlassen zu müssen, ohne von ihnen Abschied nehmen, ohne sie je begraben zu können. Das Ausmaß der inneren Verwerfungen für jeden Einzelnen lässt sich nur erahnen. 

REGIESTATEMENT Nathalie Borgers 

Es waren ein paar einfache Fragen, die ich mir als Ausgangspunkt für den Film THE REMAINS gestellt habe: Was passiert eigentlich mit den Toten, wenn ein Flüchtlingsboot im Meer versinkt? Was geschieht mit den Hinterbliebenen und was bedeutet eine solche Katastrophe für die Überlebenden? Wer steht ihnen bei und wer hilft ihnen bei der Suche nach Vermissten? Und wie gehen die Menschen, die an den Grenzen Europas leben und sich engagieren für die Flüchtenden, mit all dem Leid um?

Viele Reisen haben mich zunächst nach Lesbos geführt und jedes Mal war ich beeindruckt davon, mit welcher Selbstverständlichkeit die Bevölkerung von Lesbos auf die vielen Tragödien und Herausforderungen reagiert hat. Mit einer beeindruckenden Menschlichkeit.

Exemplarisch dafür steht für mich der Fischer Stratos Valamios, der zu Beginn des Films zu sehen ist. Er lebt im Norden von Lesbos, in Sykamnia. Stratos hat unzählige Menschen vor dem Ertrinken gerettet und ist oft unter Lebensgefahr ins Wasser gesprungen, an den gefährlichsten Stellen der Küste. Bis heute steht er in der Nacht auf, um sicher zu sein, dass er nicht gebraucht wird.

Ein anderer dieser bewundernswerten Bewohner von Lesbos ist Mohammadi Naïem. Er stammt aus Afghanistan und ist 2002 über dieselbe Route gekommen wie die meisten Flüchtlinge. Er hat sich entschieden, in Lesbos zu bleiben und nicht weiter nach Nordeuropa zu fahren. Er bekam nach Jahren eine Aufenthaltsgenehmigung und war bald ein gefragter Dolmetscher vor Ort für diverse NGOs. Mohammadi hat sich um Dutzende von afghanischen und iranischen Familien gekümmert, die nach ihren vermissten Verwandten suchten. Viele Fälle, die er betreut hat, laufen bis heute. In jenem Fall, den ich mit Mohammadi begleiten konnte, sind die Überreste von drei Kindern durch DNA-Proben schließlich identifiziert worden. Mohammadi konnte Grabsteine bestellen, auf denen nun der Name der Kinder steht – anstatt einer bloßen Zahl.

Auch die Mitarbeiter der Küstenwache in Lesbos haben die vielen Herausforderungen in beeindruckender Weise angenommen. Man kann angesichts der Schulungen zur Identifikation von Leichen, die vom Internationalen Roten Kreuz für sie veranstaltet werden, nur erahnen, welch enormen Belastungen sie bis heute ausgesetzt sind.

In Wien habe ich die Familie von Farzat Jamil kennengelernt. Eine jener vielen geflüchteten Familien, die den Verlust von Familienangehörigen zu beklagen haben und noch auf der Suche nach Vermissten sind. Bei all diesen Familien, die ich kennenlernen durfte, habe ich gesehen, dass für sie das Leben wie in einer Art gefrorenen Zeit gefangen ist. Ich habe mich gefragt, wie lange es wohl dauern wird, bis sie wieder einen Sinn im Leben finden?

Im Film begleite ich die Familie Jamil, die drei Jahre nach dem Schiffsunglück noch nach den Überlebenden bzw. den Leichen der vermissten Familienangehörigen sucht. Farzat Jamil ist 2014 aus Syrien geflüchtet und nach Österreich gekommen. Er erhielt einen positiven Asylbescheid und konnte seine Frau Laila nachkommen lassen. Er und seine Frau waren von Österreich begeistert. Der Großteil der Familie war in Syrien bzw. der Türkei verblieben und machte sich im Herbst 2015 auf den Weg zu ihnen. Von den 27 Familienmitgliedern überlebten aber nur vierzehn das Schiffsunglück, dreizehn kamen ums Leben. Die Überlebenden, darunter Farzats Vater und seine drei jüngeren Schwestern, wurden in die Türkei zurückgebracht. Erst 2017 konnten sie nach Wien kommen.

Farzat ist heute 28 Jahre alt. Seine beiden älteren Brüder haben ihre Kinder verloren und sind in einem fragilen Zustand. Farzat, der jüngste der Brüder, ist nun in der Rolle des Verantwortlichen für die gesamte Familie. Denn auch sein Vater kann diese Position durch die Folgen der Familientragödie nicht mehr einnehmen.

Im Film erleben wir mit, wie sich die Familie von Farzat bemüht, mit dem Vergangenen und dem Gegenwärtigen zurechtzukommen und wieder Zuversicht für eine bessere Zukunft zu gewinnen. Sie haben ihre Heimat aufgrund der Bedrohungen des Krieges verlassen und die gefährliche Flucht auf sich genommen. Sie haben viel riskiert, um eine Chance zu bekommen auf einen Alltag, in dem nicht in permanenter Lebensgefahr sind. Deswegen verdienen diese Menschen unsere Aufmerksamkeit und Unterstützung. Deswegen bin ich an ihrer Seite gewesen.

 

 

 




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